Blick von unten

In ihrem vermutlich kurz vor dem 1. Weltkrieg entstandenen Roman beschreibt Else Feldmann das Leben im proletarischen Wien. Parteilich steht die – selbst in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene – Autorin und aktive Sozialistin an der Seite jener, die gesellschaftlich und politisch an den Rand gedrängt werden: Fabriksarbeiterinnen, deren Kinder oder Waisen und Prostituierte. Der Protagonist Absalon Laich – demoralisiert vom Schicksal als freischaffender Journalist ohne soziales Netz – lässt reale biografische Bezüge zur Autorin vermuten; der Arbeiter:innenklasse zugewandt, rutscht er von seinem Anspruch, die Auswirkungen der Armut zu lindern, selbst in diese. Die Autorin erschüttert mit Schilderungen zur Lage von Arbeiterinnen, wenngleich sie Bezüge zu deren Selbstorganisierung vermissen lässt: „[…]eine junge Arbeiterin […] stand im heißen Maschinenraum der Wäscherei von Dampf und Dunst umgeben. Sie war lungenschwach […] bleich und erschöpft. An einem frostigen Wintertag musste sie […] Wäsche auf den Wagen laden, und von der glühenden Hitze […] ins Freie hinaustreten. Sie fing sogleich an, Blut zu speien und wurde ohnmächtig.“ Als Jüdin von der Gestapo verschleppt und im KZ ermordet, hinterlässt Else Feldmann als konsequente Kriegsgegnerin ein sehr lesenswertes literarisches Zeitdokument, das die Überwindung menschlicher Not und sozialer Ungleichheit zu einem gesellschaftlichen Auftrag macht.
Nima Obaro

Else Feldmann: Der Leib der Mutter. 230 Seiten, Milena, Wien 2025 EUR 26,00