Melodie in Moll

Aus der Sicht eines Schulmädchens schildert Else Feldmann den Alltag im proletarischen Milieu in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Alltag ist geprägt von allgemeiner Armut und persönlicher Trauer. So ist etwa die Schwester schwer krank und stirbt schließlich. Für die Protagonistin ein schwerer Verlust, da die Beziehung zur Schwester enger war als zum älteren Bruder. Überhaupt ist der Lebensraum des Mädchens von Frauen geprägt. Sie erscheinen als Kindermädchen, Mitschülerinnen, Lehrerinnen oder Prostituierte. Zumeist sind es Frauen, die das Familieneinkommen bestreiten. Der titelgebende Löwenzahn kommt zwar in der Geschichte kaum vor, passt aber sehr gut zum Grundton der Erzählung. Eine Pflanze, die trotz diverser Widrigkeiten fast überall blüht und deren Samenstände als Pusteblume Kinder erfreuen. Vielleicht brachte sie ein bisschen Farbe und Freude in die graue und triste Großstadt. Der Grundton des Romans ist melancholisch; die Armut ist aus der Sicht des Mädchens eine selbstverständliche, sie ist nicht plakativ und schreiend, es ist vielmehr eine Armut, die leise weint. Die Erzählung ist von der Kindheit Else Feldmanns beeinflusst. Sie wird 1884 als Tochter jüdischer Eltern geboren und wächst im 2. und 20. Wiener Gemeindebezirk auf. Ab 1908 veröffentlicht sie Reportagen über sozialkritische Themen in diversen sozialistischen Zeitungen. Der vorliegende Roman erscheint erstmals 1921. Es ist keine Wohlfühllektüre, doch wer sich auf die realistische Geschichte einlässt, taucht in die Vergangenheit ein.
Karin Nusko

Else Feldmann: Löwenzahn. Eine Kindheit. 180 Seiten, Milena. Wien 2025 EUR 24,00