Eine grenzenlose Kindheit

Mit gleichzeitig zarten und gewaltvollen Worten beschreibt Lilli Tollkien in ihrem Roman Mit beiden Händen in den Himmel stützen das Aufwachsen von Lale in einer Berliner Männerkommune, in der Freiheit und Vernachlässigung dicht nebeneinander existieren. Beide Eltern konsumieren, die Mutter jedoch so viel, dass sie sich nicht um das Kind kümmern kann, sodass Lala bei ihrem Vater und seinen Freunden in einer Wohngemeinschaft aufwächst. Hier kann Lale zwar machen, was sie will – dafür schaut aber auch niemand darauf, wenn sie eindeutige Zeichen von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen zeigt. Mit ständigen Versuchen, sich an jemanden (Eltern, Freund:innen, Männer) zu binden, versucht Lale, ihre Gefühle des Verschwindens und Alleinseins loszuwerden und scheitert doch immer wieder daran. Lilli Tollkien gelingt es, die inneren Gefühlswelten der Protagonistin in knappen, beschreibenden Absätzen einzufangen. Besonders die Grenzenlosigkeit ist ein immer wiederkehrendes Motiv. Der Roman liest sich wie ein Rückblick in das Aufwachsen der Autorin und scheut sich nicht, verschiedene Formen der Gewalt zu beschreiben. So zeigen sich Kreisläufe, Spiralen und Brüche – und wie die Erzählerin Kraft schöpft aus dem Schreiben und Beschreiben dieser Erfahrungen. Sehr bewegend!
Nike

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen in den Himmel stützen. 255 Seiten, aufbau Verlag, Berlin 2026 EUR 25,90