Späte Abrechnung
Aaron St. Charles ist eine Tochter aus gutem Hause. Sie lebt Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrer Familie auf dem Anwesen „Temple Alice“ in Irland. Es gibt Pferde und Hunde, Jagdgesellschaften, Gouvernanten, Köchinnen, Knechte und jede Menge Geheimnisse und Lügen. Die oberste Familiendoktrin verlangt, den Schein zu wahren. Auch dann noch, wenn hinter der Fassade des adeligen Lebensstils längst alles zerfällt: Es wird trotzdem beharrlich weggeschaut, statt konstruktiv nach Lösungen gesucht. Die Mutter versteckt sämtliche offene Rechnungen in einer Lade und flüchtet in ihr Atelier, um romantische Bilder zu malen. Der Vater lenkt sich mit zahllosen Liebschaften und viel Alkohol ab. Und Aaron selbst versucht verzweifelt, glücklich zu sein. Wie das geht, hat ihr allerdings niemand beigebracht. Die lieblose, distanzierte Mutter wirft der Tochter ständig vor, „zu groß, zu dick und zu laut“ zu sein. Den meist abwesenden Vater versucht Aaron vergeblich zu beeindrucken. Allein zu ihrem Bruder Hubert hat sie ein enges Verhältnis. Aaron verliebt sich in dessen besten Freund Richard. Kurze Zeit später verunglückt der Bruder bei einem Verkehrsunfall. Für Aaron beginnt eine Zeit des Wartens – und der Rache. Molly Keane veröffentlichte Das gute Benehmen erst im Jahr 1981. Da war die Autorin bereits 77 Jahre alt. Dieser Roman ist der erste, den sie unter ihrem eigenen Namen publizierte. Mit Aaron St. Charles hat sie eine Heldin erschaffen, die auf dem Sprung in die Freiheit blöderweise in der Luft hängenbleibt. Nichtsdestotrotz kann Aaron als Vorbild für viele rebellische Töchter gelten, die nach und vor ihr die Literaturwelt bevölkerten. Den ihr vielfach aufgedrückten Stempel „unsympathisch“ trägt Aaron jedenfalls vollkommen zu Unrecht.
Ute Fuith
Molly Keane: Das gute Benehmen. Aus dem Engl. von Bettina Abarbanell. 335 Seiten, Kjona Verlag, München 2026 EUR 27,50
