Feministische Analytikerin

Wie viele Avantgarde-Künstlerinnen kam Kiki Kogelnik, 1935 in Kärnten geboren, erst spät zu Ehren. Im Frühjahr 2023 fand in Wien eine große Personale statt. Der Ausstellungskatalog zum vielschichtigen Werk zeichnet Kogelniks künstlerische Entwicklung nach. Schon in ihren Wiener Anfängen fiel ihr Hang zur ironischen Selbstinszenierung auf, den sie in New York, wo sie ab 1962 hauptsächlich lebte und arbeitete, kultivierte und ausdifferenzierte: ihre Art der Selbstbehauptung im männlich dominierten Kunstbetrieb. Künstlerisch war es vor allem der Einfluss der Pop-Art, der sie über die Lust an modernen Konsumgütern und Mode sowie das Interesse an neuen technischen Entwicklungen hinaus zur Verwendung dezidiert künstlicher Materialien, Formen und Farben inspirierte. Überraschend ist Kogelniks tiefe Faszination für die beginnende Raumfahrt, lesbar als Chiffre für die Ambiguität moderner Technologien an der Schnittstelle Mensch/Maschine. Robotik und Röntgen liefern ihr Stoff für parodistische Skulpturen und Bausätze für ihre Bilder. Deren charakteristische Flächigkeit entsteht durch Abstraktion sowie ‚Zergliederung’, der Dinge und (weibliche) Körper unterzogen werden. Paradigmatisch hierfür ist der Einsatz der Schere: feministische Waffe gegen Objektivierung und Kontrolle des weiblichen Körpers sowie Bildelement und Instrument zur Herstellung ihrer berühmtesten formalen Innovation. Die ‚Hangings’ sind in Vinyl gegossene, flächige Ausschnitte von Körperumrissen ihr bekannter Personen – aufgereiht auf Kleiderhaken gehängt, Material für Performances und Collagen. Der Katalog präsentiert die vielgestaltig experimentierende Künstlerin als luzide Zeitzeugin technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, die spätere Diskurse um deren problematische gesellschaftliche Folgen prophetisch vorwegnahm.
SaZ
Kiki Kogelnik. Now Is the Time. Hg. von Ingried Brugger und Lisa Ortner-Kreil. Katalog, 280 Seiten, 173 Abbildungen, Kehrer Verlag, Heidelberg 2023 EUR 47,50