Häusliche Gewalt
Was von dir übrig ist
Lada ist im Gefängnis, denn sie hat ihren Ehemann erstochen. Zuvor aber war sie in einem noch schlimmeren unsichtbaren Gefängnis gefangen: dem einer tief toxischen Gewaltbeziehung. Im Rückblick nimmt uns Marina Vujčić Stufe für Stufe auf eine Reise in die Hölle mit. Vujčić gelingt es, dabei literarisch so schön zu sein (auch dank der großartigen Übersetzung), dass das Buch wunderbar zu lesen ist, auch wenn sie in ihrer literarischen Rekonstruktion des Abstiegs in die Selbstvernichtung schonungslos und detailliert bleibt. Immer wieder stellt sich – auch mir als Leserin – die Frage: Warum? Warum hat Lada nicht schon früher alles durchschaut, ihren Mann verlassen, hat das Schweigen und die Isolation durchbrochen? Vujčić lässt uns die Mechanismen, die dazu führen, miterleben. Lässt uns besser verstehen, wie es ist, an einem Ort zu sein, von dem aus eine* niemand mehr erreichen kann. Die vielschichtige Scham, die lähmende Traumatisierung, die aus vielen scheinbar banalen Ereignissen resultiert, schließlich auch das Versagen des Umfelds… ‚Normalerweise‘ stirbt am Ende die Frau, aber was ist, wenn sie überlebt? Ein Buch wie ein Tunnel. Am Ende schimmert Licht.
Lisa Grösel
Marina Vujčić: Sicheres Haus. Aus dem Kroat. von Mascha Dabić. 280 Seiten, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2026 EUR 25,00
