50 Jahre Fristenregelung – ein Grund zu feiern?

Maria Mesners jüngster Beitrag zu den Wiener Vorlesungen startet mit einer wichtigen Erinnerung: Nach wie vor sind Abtreibungen in Österreich nicht straffrei, sondern werden seit etwas mehr als 50 Jahren lediglich unter Einhaltung bestimmter Bedingungen nicht mehr rechtlich geahndet. Auf den folgenden knapp 80 Seiten diskutiert die Autorin ein Thema, mit dem sie sich über ihre gesamte akademische Laufbahn hinweg wiederholt auseinandergesetzt hat. Wie der Buchtitel treffend zusammenfasst, werden dabei sowohl politische Diskurse über Abtreibungen als auch deren Auswirkungen auf ungewollt schwangere Personen verhandelt. Maria Mesner fasst jahrhundertelange Kontinuitäten in der Geschichte der rechtlichen Reglementierung von Schwangerschaftsabbrüchen und deren Verhandlung prägnant zusammen und rückt dabei insbesondere Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt. Obwohl bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Österreichs erste Aktivist*innen entsprechende Gesetzesänderungen forderten, trat die Fristenlösung erst mit dem 1. Jänner 1975 in Kraft. Eine besondere Stärke des Beitrags ist die Verbindung von Norm und Praxis: Durch die Auswertung zahlreicher Gerichtsunterlagen erhalten die Lesenden einen quantitativen Einblick in die am Strafgericht Wien verhandelten Prozesse rund um den § 144. Einen tiefergehenden Einblick in Lebensrealitäten ermöglichen vor allem die exemplarisch geschilderten Einzelfälle. Zum Schluss verdeutlicht Mesner eindrücklich, dass Schwangerschaftsabbrüche nach wie vor keine medizinische Hilfeleistung wie alle anderen sind: Eine ungewollt schwangere Person hat in Österreich auch im Jahr 2026 weiterhin keinen Rechtsanspruch auf die Durchführung einer Abtreibung.
VR

Maria Mesner: Wessen Körper, wessen Leben, wessen Recht? Das Abtreibungsverbot und seine Wirkungen in Österreich. 85 Seiten, Picus Verlag, Wien 2025 EUR 12,00