Eine stoffliche Erzählung über Klassenverhältnisse
In einer bildhaften Sprache erzählt Sabine Scholl von Klassenverhältnissen und dem Bildungsaufstieg des erzählenden Ichs, das sich der zum Körper gewordenen Klassen-Scham zum Trotz auf der Suche nach Emanzipation befindet. Im Zentrum steht das Motiv des Stoffs – Stoffe seien tröstlich, heißt es zu Beginn des Romans. Die komplexe Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrer Mutter wird über die zunehmende Distanz der Erzählerin zu ihrer Herkunft verhandelt. Der zu vernähende Stoff wird dabei zu einem verbindenden Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Herkunft und Aufstieg, Mutter und Tochter. Insbesondere die Geschichte der Mutter beeindruckt, indem an ihr eine präzise Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenständlich wird. Die Erzählerin verweist im Verlaufe des Romans wiederkehrend auf die Soziologin Hannelore Bublitz und stellt einen Bezug zu den prominenten autobiographischen Romanen von Didier Eribon und Éduard Louis her, deren Erzählungen über einen Klassenaufstieg eine entscheidende Dimension fehle. Durch die Rolle der Frau und Mutter, in der die Erzählerin sich im Laufe des Romans selbst wiederfindet, entsteht letztlich ein gemeinsamer ‚Gesprächsstoff‘ mit der eigenen, fremd gewordenen Mutter. Die scharfe feministische Analyse und Weiterentwicklung des populären Genres der Autosoziobiographie in Verbindung mit Sabine Scholls an Metaphern reicher Sprache über Klasse, Herkunft und Intergenerationalität beeindrucken und machen den Roman Die zweite Haut in besonderem Maße lesenswert.
Jaroscha Pia Steinhauer
Sabine Scholl: Die zweite Haut. 235 Seiten, Weissbooks, Berlin 2025 EUR 24,70
