Die Armut ist weiblich
Sonja und Harald leben irgendwo in Niederösterreich, in der Nähe von Wien. Sonja hat einen Teilzeitjob in einem Bioladen, Harald arbeitet bei einem Arbeitskräfteüberlasser auf dem Bau und fährt nach der Arbeit Taxi. Sie haben zwei Kinder und das Geld reicht hinten und vorne nicht. Verschärft wird die prekäre Lebenssituation, als der Jüngste zusammenbricht und eine Typ-1-Diabetes-Diagnose erhält. Durch das aufwendige Krankheitsmanagement des Achtjährigen verliert Sonja ihren Teilzeitjob und jeglichen Halt im Leben. Sonja beginnt von zu Hause für eine Dating-Plattform zu arbeiten. Das führt zu Spannungen in der Familie und im Eheleben: „Deine Mutter betrügt Fremde im Internet.“ Der Debütroman von Lisa Wölfl ist keine leichte Kost. Wenn die Leserin sich denkt, dass es kaum noch schlimmer kommen kann, passiert die nächste existentielle Katastrophe. Ein Frauenleben, ein ganz gewöhnliches, eines von hunderttausenden, wird hier beschrieben. In seiner Ausweglosigkeit liegt eine gewisse Unerträglichkeit und der Wunsch, dieses Elend bald hinter sich lassen zu können.
Beate Foltin
Lisa Wölfl: Ein verlassenes Haus. 240 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2026 EUR 25,00
