Sucht, Scham und Weiterleben
Villa ist Filmemacherin. Villa ist auch Tochter, Enkelin, Mutter, Freundin – und Alkoholikerin. Das Buch kreist um die Veröffentlichung ihres ersten Dokumentarfilms, dem Porträt von Dimmi, der im selben Viertel Reykjavíks aufgewachsen ist wie Villa – schwer süchtig, kriminell und doch verbindet ihn etwas mit ihr. Sie baut ihren Film rund um seine Arbeit auf einem Walfangschiff auf. In ähnlicher Weise kreist der Roman um die Arbeit am Film. Szenen aus unterschiedlichen Phasen in Villas Leben setzen Scherben zu einem Lebensbild zusammen. Teilweise ist Villa Ich-Erzählerin, teilweise füllen Jón Logi, den sie auf Entzug kennenlernt, und Ninja, ihre Kamerafrau und größte Stütze, die Lücken. Nichts ist einfach, schon gar nicht einfach zu erklären. In Villas Film wie in ihrer Biografie stellen sich immer wieder Fragen nach Schuld, Verantwortung und Grenzen der Handlungsfähigkeit. Wo endet die Empathie, wo beginnt die Moral und umgekehrt? In sachlichem Ton und ohne vorgegebene Antworten bringt uns die Autorin dazu, zu reflektieren – ein Buch, über das man noch lange nachdenken kann.
Eva Steinheimer
Kristín Eiríksdóttir: Der Film. Aus dem Isländ. von Tina Flecken. 365 Seiten, Hanser Berlin, Berlin 2026 EUR 26,80
