Was ist Heimat?
1959 ist Nasrin Siege acht Jahre alt. Ihr Vater entscheidet sich, mit der Familie aus dem vom Schah regierten, repressiven Iran nach Deutschland zu gehen, um in einer Demokratie zu leben. Schnell erlernt Nasrin die deutsche Sprache, aber sie spürt auch den ihr entgegengebrachten Rassismus aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes. Mit 18 Jahren zieht sie aus dem Elternhaus aus, da sie die moralisch strengen Vorstellungen ihrer Eltern nicht mehr erträgt. Sie maturiert und folgt ihrem Freund, Lebensbegleiter und späteren Ehemann Ludwig, der Entwicklungshelfer wird, nach Stuttgart. 1981 kommt ihre Tochter Lena Shirin auf die Welt. Drei Jahre später geht die Familie nach Tansania, wo Ludwig als Entwicklungshelfer für die GTZ tätig ist. Aufenthalte in Sambia, Madagaskar, Äthiopien folgen. Nasrin selbst wird in Dropiins für Straßenkinder als Märchenerzählerin und Supervisorin aktiv. In Afrika verbringt die Familie über 30 Jahre. Nasrin lernt nicht nur Kiswahili, sondern viel über kulturelle Unterschiede. Die Menschen nehmen aus Neugier an ihrer kleinen Tochter Kontakt zu ihr auf. Wertfrei beschreibt sie,wie Krankheiten von traditionellen Heiler:innen mit Kräutern, Magie und Zauberei behandelt werden und welche Vorstellungen der Menschen mit diesen einhergehen. Nasrin Sieges behutsame und respektvolle Beschreibungen der Lebensweise der Menschen, denen sie in Afrika begegnet, entbehren eines Eurozentrismus, aber auch einer Idealisierung der dortigen Welt. Die Bekämpfung der Armut ist ihr ein Anliegen, wobei für sie das Verständnis der Kultur zentral ist!
ML
Nasrin Siege: Vor mir die Reise. Leben zwischen Iran, Deutschland und Afrika. 272 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2025 EUR 20,60
