Brüchiges wird durchlässig für Neues
Wie können starre, kapitalistisch-patriarchal geprägte Stadtstrukturen durchbrochen werden, um Raum für alternative Lebensentwürfe und Begegnungen zu schaffen? Wie werden Institutionen wie Theater und Museen durchlässiger für die Belange migrantischer und diasporischer Gemeinschaften? Wie kann das Teilen öffentlicher Räume neu verhandelt werden in einer Zeit, die von extremen Positionierungen, Spaltung, Konflikten und Grenzziehungen geprägt ist? Erdacht, erprobt und erforscht werden neue Ansätze, die Polarisierung überwinden und stattdessen Begegnung und Transformation ermöglichen. Das Buch vereint Beiträge, die internationale Projekte aus stadtplanerischer und soziologischer sowie künstlerischer, kuratorischer und aktivistischer Perspektive beschreiben und analysieren. Inspiriert vom Film Sodom und Gomorrha (1922) entstand etwa das Projekt Sodom Vienna. Eine Neuinterpretation des Roten Wien der 1920er-Jahre als queere, feministische und antirassistische Utopie. Das Projekt umfasste u.a. künstlerische Wahlkampfaktionen, die Verwandlung des Freud Museums in das Sodom Vienna Freudenhaus und Performances wie den Circus Sodomelli, um historische Stigmatisierungen queeren Lebens aufzugreifen und Wien als solidarische und lustvolle Stadt zu inszenieren. Der Eiermannbau im deutschen Apolda wiederum ist ein Beispiel dafür, wie Leerstand in Zeiten sozioökonomischer Veränderungen und des Klimawandels gemäß dem Konzept „Porosität“ durch zukunftsfähige Umbaukultur transformiert werden kann. Ursprünglich 1906/07 als Textilfabrik errichtet, erweiterte Egon Eiermann in den 30er Jahren den Bau mit funktionaler Industriearchitektur. Die industrielle Nutzung endete in den 90er-Jahren. Von 2016 bis 2023 wurde das Baudenkmal dann durch die IBA Thüringen in eine Open Factory verwandelt und dient nun als offener Raum für Arbeit, Kultur, Handwerk und kreative Start-ups.
Nina Kreuzinger
Porös-Werden. geteilte Räume, urbane Dramaturgien, performatives Kuratieren. Hg. von Barbara Büscher, Elke Krasny und Lucie Ortmann. 412 Seiten, Turia und Kant, Heidelberg 2024 EUR 48,00
