Gemeinschaftsgeist statt Solo-Genies
Mit der Wiener Moderne werden in erster Linie männliche Künstler assoziiert: Klimt, Schiele, Hoffmann zum Beispiel. Frauen war in der Zeit um 1900 der Zugang zu Unis, Ausstellungsmöglichkeiten und Netzwerken verwehrt. Erst ab 1920 durften sie etwa an der Akademie der bildenden Künste regulär studieren. Durch eine Reihe von Zufällen in den vergangenen Jahren rücken nun aus der Kunstgeschichte verdrängte, weibliche Namen ins Licht: Vertreterinnen der Vereinigung Wiener Frauenkunst (1926 – 1938), die sich ihren Platz im kulturellen Leben erkämpften – bis der Nationalsozialismus das lebendige Aufkeimen wieder zermalmte. Bis Jänner 2027 sind in der Landesgalerie Niederösterreich die Werke von Künstlerinnen der Wiener Frauenkunst zu sehen. Im Ausstellungskatalog werden die künstlerischen, kulturpolitischen, feministischen Dimensionen analysiert, reflektiert und neu kontextualisiert. „Diese Wiederentdeckung ist mehr als eine historische Korrektur“, so die Herausgeberinnen. Gründerin und Mastermind der Frauengruppe, die auf Gemeinschaftsgeist statt Solo-Karrieren setzte, war Fanny Harlfinger-Zakucka. Ihre Spezialgebiete: Holzschnitte, Malerei, Möbeldesign. Harlfinger war ihrer Zeit weit voraus. Für sie war Kunstschaffen Ausdruck von Selbstbestimmung. Sie spielte, experimentierte, abstrahierte – und das mit gekonntem Handwerk. Sie nutzte ihr politisches Geschick, pflegte die Zusammenarbeit mit der Wiener Werkstätte und initiierte Ausstellungen mit wie Wie sieht die Frau?: Ebenso ungewöhnlich: Ihr Ehemann, auch Künstler, unterstützte sie. Die Kunstkritiker waren damals fassungslos ob der gezeigten‚ Exzentritäten von Frauen‘, versuchten sie mit der Psycho-Masche zu degradieren: Es wurde ‚bedauert‘, „ein Talent wie das von Harlfinger-Zakucka auf Wegen zu sehen, die […] weit von gesundem Kunstschaffen entfernt sind.“ Jetzt steht die Würdigung dieser Pionierin und Vorkämpferin im Zentrum.
Nina Kreuzinger
Wiener Moderne. Weiblich. Widerständig. Fanny Harlfinger-Zakucka und die Wiener Frauenkunst,Hg. von Gerda Ridler und Sabine Fellner, 208 Seiten, Müry Salzmann, Salzburg 2026 EUR 29,90
