Gewalt in Kunst und Psychoanalyse
Die (Selbst-)Bildnisse der mexikanischen Malerin María Izquierdo gehen durch und durch. „Traum und Vorahnung” von 1947 ist ein surrealistisches Selbstporträt: Zu sehen ist Izquierdo, wie sie ihren eigenen abgetrennten Kopf aus einem Fenster hält. Das lange Haar ist in kahle Äste und Wurzeln einer kargen Landschaft verstrickt. Ausdruck der Isolation einer Künstlerin in der von Männern dominierten Kunstwelt Mexikos? Die Enthauptung als Symbol der Trennung zwischen Körper und Geist, Aktion und Stimme? Die Verbreitung der Psychoanalyse und Traumdeutung eröffnete Künstler:innen den Zugang zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Im Forschungsband It Hurts! geht es um männlich dominierte Strukturen des Surrealismus und der Psychoanalyse, das gesellschaftliche Phänomen der Gewalt gegen Frauen bis heute und die Darstellung dieser in der Kunst. Die Autor:innen untersuchen die Strategien, die Künstler:innen auf verschiedenen Kontinenten entwickelt haben, um dieser (psychischen, körperlichen, sexuellen und ökonomischen) Gewalt zu begegnen bzw. damit umzugehen. Die Fotomontage „Die Träume von Ehrgeiz” der deutsch-argentinischen Fotografin Grete Stern ist um 1950 entstanden. Wie Alice im Wunderland ist eine überdimensional groß erscheinende Frau in einen Wohnraum gezwängt. Ist die ‚Hausfrau‘ über die gesellschaftlichen Erwartungen hinausgewachsen? Oder ist ihr Umfeld bzw. ihr Bewegungsraum geschrumpft worden? Die im Iran geborene und in Wien lebende Soli Kiani beschäftigte sich in einer Arbeit von 2020 etwa insbesondere mit Traumata, die – unverarbeitet – zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen und auch transgenerational weitergegeben werden (können).
Nina Kreuzinger
IT HURTS! Violence against Women in Art and Psychoanalysis. Hg. von Elena Shapira und Daniela Finzi. 234 Seiten, De Gruyter Oldenburg, Berlin, 2025 EUR 24,90
