Der Widerspenstigen Zähmung
Sieglinde Eva Tömmel untersucht weibliche Entwicklung, gesellschaftliche Prägung und unbewusste Herrschaftsstrukturen. Ausgehend von Bourdieus Studie zur männlichen Herrschaft bei den Kabylen im südlichen Algerien beschreibt sie die Situation von Frauen in verschiedenen kulturellen Kontexten. Seelische Verletzungen erscheinen als Folgen direkter und indirekter Herrschaft. Anregend ist Tömmels interdisziplinärer Zugang: Psychologie, Pädagogik, Literaturwissenschaft sowie mythisch-religiöse Erzählungen verbinden sich zu einer lebendigen Darstellung. Soziologische Analysen, psychoanalytische Deutungen und Fallbeispiele aus ihrer Praxis greifen ineinander und machen Prägungen sichtbar. Ein Schwerpunkt liegt auf der kritischen Auseinandersetzung mit Freuds Weiblichkeitstheorie. Tömmel würdigt seine Entdeckung des Unbewussten, hinterfragt jedoch Begriffe wie Kastration und ödipalen Komplex und plädiert für passendere, wissenschaftlich besser gesicherte Begriffe und Hypothesen. In den Fallbeispielen werden Lebensgeschichten mit all ihren Ausformungen wie Prägung, Anpassung, Konflikt und Selbstbestimmung sichtbar. Theorie und Praxis machen das Buch abwechslungsreich und bieten Anregungen zur weiteren Diskussion über die gesellschaftlichen und individuellen Faktoren, die einzeln zu beleuchten sind. Empfehlenswert ist das Buch für LeserInnen, die sich für Psychoanalyse, Feminismus und Interkulturalität interessieren und sich fundiert Diskussionen zum Thema „Frauen und ihre gesellschaftliche Unbewusstheit“ stellen wollen.
Gerda Reißner.
Sieglinde Eva Tömmel: Psychoanalyse der weiblichen Entwicklung. Frauen und ihre gesellschaftliche Unbewusstheit. 248 Seiten, Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2024 EUR 32,90
