Einfühlsames Familienportrait

Yuko Kuhns Onigiri ist ein stilles, zugleich erschütternd kraftvolles Buch. In klarer, unaufdringlicher Sprache erzählt sie von einer letzten Reise der Protagonistin mit ihrer zunehmend dementen Mutter. Der Ausflug zu deren japanischen Wurzeln ist weit mehr als ein Ortswechsel: Er wird zu einer Reise durch verschiedene Lebensphasen, durch Erinnerungen und Verluste. Im Zentrum stehen Themen wie (Selbst-)Fürsorge, schmerzhafte Familiendynamiken, kulturelle und sozioökonomische Differenzen, Depressionen und der schleichende Abschied von geliebten Menschen. Kuhn gelingt es, die psychischen Belastungen ihrer Figuren nuanciert darzustellen, ohne je pathetisch zu wirken. Manche Sätze sind unglaublich stark und bringen komplexe Emotionen unvermittelt auf den Punkt. Onigiri ist ein trauriges Buch, aber eines, das durch seine Klarheit und Menschlichkeit Trost spendet. Es zeigt, wie Zerfall, Fürsorge und Neubeginn nebeneinander existieren können – und wie viel Kraft in leisen Geschichten liegen kann.
Magdalena Holczik

Yuko Kuhn: Onigiri. 208 Seiten, Hanser Berlin, Berlin 2025 EUR 23,70