Mütter-Söhne
Mächtige Mütter, grausame Söhne – eine patriarchale Geschichte
Eva Patarak, Kräuterverkäuferin in Essen, geschieden, lebt mit ihrem erwachsenen Sohn in bescheidenen Verhältnissen. Ihr größter Wunsch: dass ihr Sohn, Studienabbrecher, Internet-süchtig, mit ihr redet und sie nicht nur als lästiges Übel wahrnimmt – trotz Rundumversorgung. Da ist Agrippina, Mutter Neros, schon deutlich zielstrebiger. Auf einer historischen Erzählebene begegnen wir in Agrippina dem Prototyp mütterlicher Macht zum Zwecke politischer Einflussnahme – mit Methoden, die von kaiserlicher Erziehung bis zu Mord reichen. Doch die als „optima mater“ dargestellte Kaisermutter wird Mordopfer ihres von seiner Machtfülle überforderten Sohnes. Dann übernimmt die Lateinlehrerin Silke Aschauer, bereits als Kundin im Kräuterladen aufgetreten, die Rolle der Ich-Erzählerin. Auch da geht es blutig zu: während sie im Lateinunterricht die Gräueltaten römischer Herrschaft behandelt und Fragen nach Perspektive und Absicht (römischer) Geschichtsschreibung (auch hinsichtlich Tilgung versus Mythisierung mächtiger Frauen) aufwirft, wird ihr eigener Körper zum Schlachtfeld. Nicht zu stoppende Blutungen und letztlich eine Gebärmutterentfernung unterbrechen ihre ohnehin umstrittene Lehrtätigkeit und führen auf einer anderen Ebene zu ihrer Inthronisierung als Erzählerin. Doch die Objekte des Erzählens (Eva Patarak und ihr Sohn) sind mit der ‚Verletzung ihrer Privatsphäre‘ nicht einverstanden und wenden sich an die Justizministerin – bis das komplexe, (aber)witzige Ineinander von Erzählebenen und Bezügen eskaliert. Der Text inszeniert formal avanciert das Erzählen (von patriarchalen Gewaltverhältnissen) selbst als Akt diktatorischer Selbstautorisierung und beeindruckt mit einer nuancierten Sprache, einer Sprachenvielfalt, die kritisch und ironisch die in Sprache eingegangenen Machtverhältnisse – als Ideologeme, als Wahrnehmungsfilter, als sprachliche Ähnlichkeiten, als Grammatik – hervorholt. Büchnerpreiswürdig!
SaZ
Ursula Krechel: Sehr geehrte Frau Ministerin. 368 Seiten, Klett-Cotta, Stuttgart 2025 EUR 27,50
