Eigene Wege, weit weg

In ihrem sehr gelungenen Debütroman erzählt Sybille Reuter die Geschichte einer jungen Frau, die in den 1980er-Jahren in Bulgarien aufwächst. Sie sehnt sich nach Freiheit und einem anderen Leben, befreit von dem Schmerz familiärer Enttäuschungen und der unterdrückten Wut ihrer Mutter gegenüber. Als Erwachsene versucht sie, diese Enttäuschungen sowie die Suche nach Heimat und Identität zu verarbeiten. Die autobiografisch gefärbte Geschichte erzählt auf intime und eindrückliche Weise von einem Bulgarien kurz vor dem Ende des Sozialismus sowie von einer schwierigen Mutter-Kind-Beziehung. Leider hat mich das Ende ein wenig enttäuscht. Die Versöhnung mit der eigenen Geschichte und dem Bulgarien der Kindheit erfolgt in einer eher oberflächlichen Selbstfindung. Doch vielleicht war genau das notwendig: eine Fremde des Westens im eigenen Land zu werden, um sich diesem erneut selbstbewusst und selbstständig öffnen zu können.
Agnes Sieben

Sibylle Reuter: Zerbrich mein nicht, 240 Seiten, Leykam, Graz 2025 EUR 24,50