Ein Buch über Mütter, Töchter und Identität

Ich weiß wenig über meine Großmutter. Bedauere, dass ich sie nicht gefragt habe, als es noch die Gelegenheit gab. Frage mich, ob sie geantwortet hätte und wenn ja, wie. Ich denke über meine Mutter nach, sie als Mutter, als Tochter, als Frau, als Mensch. Beim Lesen von Lena Goreliks Alle meine Mütter konnte ich das Nachdenken – im besten Sinne – nicht abstellen. Wer bin ich ohne Eltern, ohne Kinder? Wer bin ich? Gorelik erzählt von den Momenten, die das Drama des Lebens ausmachen. Da stehen mühelos eine Schüssel Erdbeeren, das gebastelte Notizbuch, „Mimosa Flower“-Nagellack und Erschöpfung, Geburt, Krieg, Migration, Verlust und Tod nebeneinander. Behutsam und brutal zugleich. Die Perspektiven wechseln vom schreibenden Ich, von der Tochter, zur Mutter, zur Beobachterin. Entlang der Handlung rund um eine Ich-Erzählerin und ihre Mutter werden in kurzen Geschichten und collageartigen Texten Aspekte des (Nicht-)Mutterseins be- und verhandelt. Dabei stellt Gorelik das individuelle neben das universelle Muttersein und verknüpft so das theoretische, kulturelle, gesellschaftliche Konstrukt mit ‚realen‘ menschlichen Emotionen und Erfahrungen. Lena Goreliks Buch ist eine Geschichte über eine Schriftstellerin, eine Tochter, eine Mutter, viele Mütter, Frauen, Menschen. Es ist ein Buch über Identität.
Kathrin Ivancsits

Lena Gorelik: Alle meine Mütter. 269 Seiten, Rowohlt, Hamburg 2026 EUR 24,70