Mitgift
„Die Rekonstruktion von Körpern ist eine Möglichkeit, das Patriarchat herauszufordern, das die Körper von Frauen zensiert, kontrolliert und ihnen oft gleichgültig gegenübersteht. Für mich war es wichtig, nicht so sehr ein persönliches Porträt zu schaffen, sondern ein kollektives – pulsierend und lebendig.“ So beschreibt die Wissenschaftlerin und Poetin
Jegana Dschabbarowa ihren Debütroman. Geboren 1992 in der aserbaidschanischen Community in Jekaterinenburg, war sie 2024 als Lesbe, Feministin und Aktivistin gezwungen, Russland zu verlassen, und lebt zurzeit in Deutschland. In elf Kapiteln – jedes trägt den Namen eines Körperteils – skizziert sie in eigenwillig metaphorischer Sprache, wie sich die Ordnung der Geschlechter in den weiblichen Körper einschreibt. Dabei zeichnet sie kritisch das gesellschaftliche Leben in der Diasporagemeinschaft als Hochhalten von Konservativismus nach. Schon in der sowjetischen Zeit galt das Bewahren patriarchaler Traditionen im privaten Raum als Zeichen gefährdet geglaubter nationaler Identität. Postsowjetisch nehmen Ausgrenzungen und Anfeindungen von Kaukasier*innen der russischen Mehrheitsgesellschaft zu. Eine seltene schwere Krankheit bringt den unterworfenen weiblichen Körper der Erzählerin an seine Grenzen und schließlich zum Befreiungsakt des Schreibens. Absolut lesenswert.
Sena Dogan
Jegana Dschabbarowa: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt. 144 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025 EUR 23,70
