Nicht reif für die Insel?

Die Geschichte beginnt mit dem Kadaver eines jungen Finnwals. Zwischen unzähligem Strandgut, Müll der Überflussgesellschaft, liegt er als verrottendes Symbol einer gescheiterten Welt am Strand der Insel Ebria. Und auf dieser Insel, das erfährt die Leserin schnell, ist alles anders. Aus der Perspektive verschiedener Protagonistinnen skizziert Lisa-Viktoria Niederberger in ihrem Romandebüt eine von Frauen geführte Gesellschaft, die sich radikal neu erschaffen hat. Meistens ist es die junge Dorfvorsteherin Lahea, aus deren Augen wir das Leben und die Geschehnisse auf Ebria betrachten. Wir lernen, wie sich die Gemeinschaft im Kollektiv organisiert und dabei fürsorglich und ressourcenschonend handelt. Dabei klingt einiges fast zu schön, um wahr sein zu können, was aber nicht weiter stört, da es sich ja schließlich um eine Utopie handelt. Die erste Generation nach dem kriegerischen Umbruch, der auf der Insel „Emergentia“ heißt, wächst jedenfalls geborgen und im Gefühl absoluter Sicherheit heran. Bis dann aber doch dunkle Wolken über dem Paradies aufziehen und Lahea sowie viele andere Bewohnerinnen zum ersten Mal in ihrem Leben mit Angst konfrontiert werden. „Wer glaubt, durch Gewalt eine Gemeinschaft schwächen zu können, hat nichts verstanden“, sagt eine von Laheas Mitstreiterinnen. Ist die Menschheit einfach noch nicht reif für die Inselutopie? Lahea gibt darauf keine Antwort. Aber sie sucht einen neuen Weg, und es macht Spaß, sie dabei zu begleiten.
Renate Degen

Lisa-Viktoria Niederberger: Lahea. 367 Seiten. Otto Müller Verlag, Salzburg 2026 EUR 28,00