Soziale Arbeit im Faschismus

Irene Messinger wählt die Kollektivbiografie sehr bewusst für ihre Studie, in der sie ihre jahrelange Recherchearbeit zu 80 Fürsorgerinnen-Biografien präsentiert. In klarer Sprache, mit Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels werden die Anfänge der Fürsorge/Sozialen Arbeit, die damals wie heute mehrheitlich Frauenarbeit ist, in dem als Open-Access-Band erhältlichen Werk anschaulich lebendig. Es wird ihre Entwicklung bis in die 1940er-Jahre nachgezeichnet, die untrennbar mit den Sozialen Bewegungen verwebt ist. Dementsprechend berührend sind die Lebensgeschichten von engagierten Fürsorgerinnen, die sich dem Faschismus entgegenstellten, die solidarisch mit den Verfolgten in einem unmenschlichen System waren, in dem neun der 80 Fürsorgerinnen ermordet wurden, fünf das KZ überlebten und viele im Exil oder als „U-Boot“ überleben mussten. (Dazu mehr in Band 2) Fürsorge/Soziale Arbeit ist seit ihrem Entstehen im Spannungsfeld zwischen Paternalismus und Emanzipation wirksam. Der damalige Paternalismus war eng mit rassistischen Diskursen verknüpft, und emanzipatorische Handlungsspielräume mussten auch früher erkämpft werden. Probleme der fehlenden Anerkennung und Abwertung von bezahlter Fürsorge finden in diesem Band Beachtung: Care-Arbeit als der Weiblichkeit immanent und daher nicht extra zu entlohnen, ohne klar definiertes Berufsbild, jederzeit bedroht von Lohndumping durch angeblich weniger qualifizierte „Hilfsfürsorgerinnen“, die austrofaschistische Doppelverdienerverordnung, die (Un)Vereinbarkeit von Familie und Beruf… Ein 53-seitiges Literaturverzeichnis sowie 55 Kurzbiografien zu historischen Persönlichkeiten der Sozialen Arbeit ergänzen den Band. Messingers Buch ist ein Standardwerk, das in keiner Ausbildung zur Sozialen Arbeit in Österreich fehlen sollte, und allen Interessierten nur wärmstens ans Herz zu legen.‹ Henrike Kovacic

Irene Messinger: Verfolgung und Widerstand von Fürsorgerinnen in Wien 1934-1945. Kollektivbiografische Studie zur Geschichte der Sozialen Arbeit. 534 Seiten, Nomos, Baden-Baden 2026 EUR 134,00/open access