Zuschreibungen und Selbstinszenierungen

In ihrer Dissertation geht Ruth Heckmann der Frage nach, wie sich Komponistinnen in der beginnenden bürgerlichen Musikkultur positionieren konnten und wie sie vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Geschlechterdiskurses rezipiert wurden. Heckmann nimmt die Schwellensituation um 1800 zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit und erläutert zunächst, wie der Musikausübung von Frauen zunehmend ein Dilettantismus zugeschrieben und sie damit ästhetisch abgewertet wurde. Im Anschluss analysiert die Autorin akribisch die Rezeption von Komponistinnen in der zeitgenössischen Presse. Dabei zeigt sich einerseits ein vielschichtiges Bild an Beurteilungen, andererseits wirken bestimmte Muster der Vergeschlechtlichung immer wieder in die Bewertung der Kompositionen hinein. Im zweiten Teil der Arbeit stehen schließlich drei Musikerinnen (Corona Schröter, Louise Reichardt und Sophie Westenholz) im Zentrum, die sich im komplexen Netz geschlechtlicher Zuschreibungen und sozialer Erwartungshaltungen behaupten mussten.

Die Autorin zieht zahlreiche Primärquellen heran und modelliert sehr umsichtig ein plastisches Bild der Tonsetzerinnen um 1800. Die Fragestellung an sich reiht sich in eine mittlerweile erfreuliche Vielzahl an Forschungen zu Komponistinnen ein – insofern mögen die Ergebnisse auch nicht besonders überraschen. Die detaillierte Auswertung von Quellen und die umsichtige Analyse der Musikerinnenbiographien stellen jedenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte der komponierenden Frau dar. Kordula Knaus

Ruth Heckmann: Tonsetzerinnen. Zur Rezeption von Komponistinnen in Deutschland um 1800. 334 Seiten, Springer VS, Wiesbaden 2016 EUR 51,39