A wie Abtreibung bis W wie Weiblichkeit
In einem Wörterbuch mit 47 Begriffen übt Alice Ceresa ernsthafte genauso wie zynische Kritik an der patriarchalen Gesellschaft. Es handelt sich nicht um ein herkömmliches Nachschlagewerk, denn mit jedem Eintrag baut die Autorin systematisch weiter an ihren anspruchsvollen, radikalen Ideen. Zum Geleit gibt es einen aufschlussreichen Auszug aus Ceresas Briefverkehr. Ihre Gedanken verweisen aufeinander, greifen ineinander und ermutigen damit zum Hin- und Herblättern. So bekommen Leserinnen auch einen Einblick in das beharrliche Denken und Schreiben der 2001 verstorbenen Autorin, die die Textfragmente seit den 1970er-Jahren wiederholt überarbeitet hatte, aber nie publizierte. Die Arbeit an der Sprache selbst ist ein zentraler Baustein des Wörterbuchs, unter anderem wird Italienisch ganz klar als Männersprache vorgeführt. Ceresa widmet sich anhand von Geschlecht der Herkunft von Differenzen und unhinterfragten Annahmen, die sie größtenteils als künstlich und beliebig kritisiert. Sie entlarvt Begriffe wie Liebe, Pornografie oder Psychologie als weitgehend nichtssagend. Ein Eintrag widmet sich auch der Biologie und sogenannten ‚biologischen Unterschieden‘, die jedoch keinesfalls Begriffe wie Frau oder Geschlecht erklären. Die Herleitung von Ceresas Argumenten kann teils als konstruktivistisch, teils als phänomenologisch interpretiert werden. Insgesamt schafft das Buch eine Dekonstruktion, buchstäblich von A bis Z. Wer sich um das Lesen und Mitdenken bei den langen, dichten Sätzen bemüht, wird mit humorvollen und erfrischenden Anregungen zum Weiterdenken belohnt und an die Beliebigkeit patriarchaler Normen erinnert.‹ Clara Stiller
Alice Ceresa
Kleines Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit. Aus dem Ital. von Sabine Schulz. Mit einer Vorbemerkung von Marie Glassl und einem Nachwort von Tatiana Crivelli. 136 Seiten, Diaphanes, Zürich/Berlin 2025 EUR 18,50
