Aufbruch ins Ungewisse

Costanza wächst in einem engen Tal im nordöstlichen Venetien auf. Im Winter ist es dort fast immer Nacht. Das Haus ihrer Eltern hat so dicke Mauern, dass jedes Fenster dreifach verschlossen ist. Die Zeit scheint wie erstarrt. Im Herbst werden kleine Vögel mit Polenta gegessen. Die Regeln bestimmt der Boden vor dem Haus. Costanzas Vater ist alt und grimmig. Er kann andere Menschen mit Blicken zum Schweigen bringen. Die Mutter wäre lieber Lehrerin geworden. Es wird nicht viel geredet. Kein Wunder, dass dem Mädchen der Sinn nach Flucht steht. Sie träumt vom unbändigen, wahren Leben, treibt sich herum, reißt aus und kehrt wieder heim. Als Costanza Claudio kennenlernt, beschließen die beiden, nach Rom zu ziehen. Doch die euphorische Aufbruchsstimmung wird bald durch reale Widrigkeiten und Herausforderungen gedämpft. In ihrem neuen Roman entwirft Ginevra Lamberti ein schillerndes Kaleidoskop von Figuren und Geschichten. Zeitlich erstreckt sich die Handlung über sechzig Jahre. Die Hauptfiguren stammen aus vier Generationen von zwei Familien. Diese große Besetzung kann bei der Lektüre mitunter etwas verwirrend sein. In erster Linie ist Ginevra Lambertis dritter Roman aber ein sprachgewaltiges Werk über Aufbruch und Heimkehr, Liebe und Autonomie.

Ute Fuith

Ginevra Lamberti: Der Aufruhr unserer Herzen. Aus dem Ital. von Annette Kopetzki. 272 Seiten, Piper, München 2024 EUR 26,70