Bildung gibt Hoffnung

Amal, eine junge Frau aus einem Bergdorf, verlässt den vorgezeichneten Lebensweg, sie setzt gegen den Willen ihrer Familie durch, eine höhere Schule abzuschließen und zu studieren. Das alles spielt im 21. Jahrhundert im Libanongebirge. Amal ist Drusin, eine kleine, abgeschottete Religionsgemeinschaft, die Zugehörigkeit ist nur über Geburt möglich. Es ist eine überschaubare Community, die auf der ganzen Welt verstreut ist. Ein striktes Regelwerk und eine strenge Ordnung der Geschlechter bestimmen das Leben drusischer Frauen und Männer. Haneen Al-Sayegh, selbst Drusin aus dem Libanon, beschreibt in ihrem Debütroman mitreißend, wie es Amal gelingt, vorerst innerhalb dieser Ordnung ihren Wunsch nach Bildung und Eigenständigkeit durchzusetzen. So bedingt sie sich von ihrem zukünftigen Ehemann das Zugeständnis aus, weiterhin die Schule besuchen zu dürfen. Im Gegenzug unterwirft sie sich den Regeln einer Ehe inklusive der anmaßenden Tortur einer In-vitro-Befruchtung. Erst in der Kritik ihrer Religion gelingt es Amal – der Name bedeutet Hoffnung –, die ihr aufgezwungene Ehe zu beenden und zu ihrer eigenen Stimme zu finden. Selten habe ich so eine spannende Auseinandersetzung mit Tradition, Glaube und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben gelesen.

Sena Doğan

Haneen Al-Sayegh: Das unsichtbare Band. Aus dem Arab. von Hamed Abdel-Samad, 336 Seiten, dtv, München 2024 EUR 24,70