Drei Perspektiven auf jüdische Lebenswege

Die Meisterin autobiografischer Erzählungen Barbara Honigmann versammelt in ihrem neuen Buch drei unterschiedliche Porträts jüdischer Menschen. Die wohl bewegendste Geschichte ist die über die kommunistische jüdische Intellektuelle Wilhelmine Magidson, kurz Mischka genannt, die die Autorin 1972 in Moskau besucht, um ein Praktikum am avantgardistischen Taganka-Theater in Moskau zu machen. Letzteres gelingt ihr nicht, stattdessen gewinnt sie Mischkas Vertrauen und erfährt Details über die menschenverachtenden Verfolgungen und Repressionen unter Stalin. Mischka musste zehn Jahre im Gulag und weitere zehn Jahre in der Verbannung leben. Außerdem lernte die Autorin über Mischka in zahlreichen Küchengesprächen Intellektuelle aus dieser Zeit kennen. Die zweite Erzählung thematisiert das Leben von Max und Yvette in Frankreich, die im Zweiten Weltkrieg jüdische Jugendliche waren und sich später als Überlebende der Shoa gefunden und lieben gelernt haben. Die dritte Geschichte handelt von einem erfolglosen jüdischen Schauspieler in der DDR und einem unglücklichen Traumatisierten aus der Nachkriegsgeneration, die beide scheitern. In einer nüchternen Erzählhaltung schafft es die Autorin, uns auf wenigen Seiten sehr unterschiedliche jüdische Schicksale näherzubringen, die allesamt unmittelbare Bekanntschaften der Autorin sind.
ML

Barbara Honigmann: Mischka. Drei Portraits. 112 Seiten, Hanser, München 2026 EUR 22,70