Im Bann der Zweisamkeit

Auf einem Flug nach Amsterdam lernt die Ich-Erzählerin den eloquenten Victor kennen. Die beiden kommen sich näher, recht bald zieht sie bei ihm ein. Er ist häufig auf Geschäftsreisen, sie viel allein. Als Einzelkind hat sie nach wie vor eine enge Beziehung zu ihren Eltern. Die Mutter gibt ihr Ratschläge wie „Man muss wissen, wie man einen Mann an sich bindet“. Der Vater, ein Arzt, driftet langsam Richtung religiösen Wahn, weil er den Tod seiner langjährigen Geliebten nicht verkraftet. Schließlich trennen sich die Eltern und die Erzählerin verliert endgültig ihr Zuhause. Victor bietet ihr keinen sicheren Ort als Ersatz, weil „etwas in ihm lauert“, das kurz davor ist, auszubrechen. Er verrät fast nichts über sein Vorleben. Manchmal ist er zärtlich, dann wieder brutal. Der Mann verunsichert, kritisiert und ist gemein, wenn er getrunken hat. Die Erzählerin will weg von ihm. Sie weiß, dass es besser ohne ihn als mit ihm ist. Mehrmals schafft sie die Flucht, aber er holt sie immer wieder zurück. Er modelliert ihr Verhalten durch seine Handlungen. Die Abhängigkeit wird immer größer. Irgendwann gelingt der Absprung aber doch. Lavinia Braniște erzählt die Geschichte einer ungesunden Verbindung in tragischen, aber auch witzigen und ironischen Rückblenden. Meisterlich lotet sie komplizierte menschliche Beziehungen im heutigen Rumänien aus. Du findest mich, wenn du willst ist bereits der dritte Roman der rumänischen Autorin Lavinia Braniște. Hoffentlich schreibt sie noch mehr.
Ute Fuith

Lavinia Braniște: Du findest mich, wenn du willst. Aus dem Rumän. von Manuela Klenke. 272 Seiten, Mikrotext, Berlin 2026 EUR 28,00