Aufruf an Verbündete im Westen

Auf den Straßen von Minsk treffen sich jeden Sonntag Demonstrierende – sie protestieren gegen die Fälschungen des Wahlergebnisses. Lukaschenko und sein Machtapparat scheuen weder vor offensichtlichen Einschüchterungen noch vor Gewalttaten zurück. Die Lyrikerin Julia Cimafiejeva beschreibt in ihrem Minsk Tagebuch das Leben zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Strategie und Alltag. Wenn das offizielle Internet abgedreht wird, wissen sich viele Aktivist*innen mit Proxy Servern zu helfen. Auch Telegram wird zum Informationskanal – Berichte über Demonstrationsverläufe, wo die Polizeiwägen hinsteuern, wo sie bereits mit Wasserwerfern und Blendgranaten gegen die Demonstrierenden vorgehen. Cimafiejewa gilt in Belarus als prominente intellektuelle Stimme. Sie hat sich immer wieder öffentlich und eindeutig zu den Vorgängen des diktatorischen Regimes geäußert. Ihre Schilderungen vermitteln hautnah die Stimmungsschwankungen, denen Menschen im Widerstand gegen die Diktatur täglich ausgesetzt sind. Zwischen euphorischer Partystimmung beim Eintauchen in die riesige Menge der Demonstrierenden, über Zynismus und Verzweiflung, wenn wieder willkürlich Menschen von der Polizei festgenommen werden. Sie schreibt über Folterungen und konstruierte Vorwürfe, gegen die sich die Festgenommenen juristisch zur Wehr setzen müssen und finanziell ruiniert werden. Dazwischen finden sich Schilderungen eines beinahe unvorstellbar normalen Alltags, wo mit der Katze gekuschelt und mit Freund*innen gegessen wird.

Susa

Julia Cimafiejeva: Minsk. Tagebuch. 128 Seiten, Edition Foto Tapeta, Berlin 2021 EUR 13,50