Die High Society auf dem Prüfstand
Die schöne und interessante Miss Lily Bart ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der New Yorker High Society. Leider fehlt ihr das nötige Geld, um beim Lebensstil der Reichen mithalten zu können. Zu ihrer Absicherung erwägt sie die Heirat mit einem reichen Emporkömmling, zieht dann aber Spekulationen an der Börse vor. Ihre Zuneigung gilt dem Anwalt Selden, der ihr jedoch nicht das Leben bieten könnte, das sie sich ersehnt. Die LeserInnen erleben, wie Miss Bart innerhalb von zwei Jahren durch Fehlentscheidungen und Intrigen auf den sozialen Abstieg zusteuert.
Edith Wharton beschreibt mit einem wundervoll leichten Zynismus den Lebensstil der Reichen und Schönen – beim Lesen könnte frau meinen, dass diese Leute niemals arbeiten oder auch nur ein Fünkchen Interesse für die Welt außerhalb ihrer Kreise aufbringen. Dennoch zeigt sich da und dort eine Spur von Mitgefühl oder Solidarität, und wir lernen zu verstehen, wie sich unverheiratete Frauen dieser Schicht und Zeit über Wasser halten konnten. Der Roman bleibt bis zum Ende ein stilistisch schöner Einblick in fremde reiche Welten. Die erste weibliche Pulitzerpreisträgerin Edith Wharton veröffentlichte ihren Roman 1905. Wie auch ihre Romanheldin stammte sie aus einer reichen, alteingesessenen Familie aus New York.
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Edith Wharton: Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart. Aus dem amerik. Engl. von Heddi Feilhauer. 464 Seiten, ebersbach & simon, Berlin 2018 EUR 22,70