Kaukasische Interviews


In den letzten Jahren gilt Georgien, ein kleiner Staat zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer, als beliebtes touristisches Reiseziel. Die Zeitgeschichte bleibt allerdings, zumindest im deutschen Sprachraum, vergleichsweise unterbelichtet. Dieser Aufgabe nähert sich die in Tiflis geborene Philologin Natela Kopaliani-Schmunk mit einer Sammlung von Interviews an, die sie in Georgien aufnahm. In den Jahren 2015 und 2016 befragte sie neunzehn Männer und Frauen in georgischer und russischer Sprache zu ihrem subjektiven Erleben der letzten Jahrzehnte. Dabei deckt sie ein breites Spektrum der georgischen Gesellschaft ab, von UniversitätsprofessorInnen über ehemalige Militärs in Afghanistan bis zu BewohnerInnen einer kleinen Stadt in Tuschetien, einer Bergregion an der Grenze zu Tschetschenien. So illustriert sie die Unterschiede und Ähnlichkeiten im Erleben des Zerfalls der Sowjetunion, der Gründung der unabhängigen Republik und des folgenden Bürgerkriegs. Ein kurzer Abriss der wichtigsten historischen Ereignisse mit den Schwerpunkten der Reaktion auf die Entstalinisierung unter dem Vorsitz von Chrustschow, der traumatischen Ereignisse zur Zeit der Auflösung der Sowjetunion und der drei Kriege mit Gebietsverlusten leitet das Buch ein. Von den Interviews erfährt die LeserIn nicht nur historische Ereignisse, sondern auch reichlich spannende Details aus der Alltagsgeschichte. Das Buch füllt sicherlich nicht die Lücke fehlender historischer Forschung, ist jedoch eine spannende und aufschlussreiche Lektüre für Georgieninteressierte.
Sena Dogan
Stimmen aus Georgien. Vom Tode Stalins bis zur Gegenwart. Hg. von Natela Kopaliani-Schmunk. Reihe: Mainzer Beiträge zur Geschichte Osteuropas Bd. 9. 226 Seiten, LIT-Verlag, Berlin 2018 EUR 24,90