Reise in die Tschechoslowakei
Die Sängerin Jana Honzlová verbringt Anfang der 1950er Jahre einen heißen Sommer in Prag: Die Sonne brennt vom Himmel, die Straßenbahnen sind überfüllt und wer kann, verbringt die Zeit in der Badeanstalt an der Moldau. Jana arbeitet im staatlichen Folkloreensemble Sedmikrása und muss Bürodienst machen, während ihre Truppe auf Auslandstournee in Finnland ist. Jana durfte nicht mitfahren, weil ihre Kaderakte nicht einwandfrei ist. Über die Gründe kann sie nur mutmaßen. Wahrscheinlich liegt es an der Flucht ihres Vaters in die USA und auch daran, dass ihre Mutter offen Kritik an Staat und Partei übt. Jana wohnt mit ihrer Mutter, der jüngeren Schwester Andula und dem Bruder Hugo in einer kleinen Wohnung in Karlín, einem heruntergekommenen Stadtteil Prags. Die baufällige Pawlatsche der Familie wird trotz mehrfacher Ansuchen solange nicht repariert, bis sie eines Tages herunterbricht. Im Büro ist die Putzfrau Angelika Pelikánová Janas einzige Vertraute. Als diese plötzlich stirbt, will die Staatssicherheit Jana einen Mord anhängen, um sie dadurch als Spitzel für ihre Kolleg:innen anzuwerben. Zdena Salivarová zeichnet in Sommer in Prag ein schonungsloses Bild der kommunistischen Tschechoslowakei. Das Buch erschien bereits 1972 in Kanada. Nun ist es erstmals auf Deutsch zu lesen.
Ute Fuith
Zdena Salivarová: Ein Sommer in Prag. Aus dem Tschech. von Sophia Marzolff. 352 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2024 EUR 31,50