Ein Blick ins Innere

So ein Buch fällt einer selten in die Hände. Dreizehn kurze Geschichten, geschrieben von dreizehn Autorinnen zwischen 27 und 50 Jahren, ermöglichen der Leserin einen Blick auf das Leben von Frauen in Georgien. Das Besondere an den Texten ist die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit, Tradition und Moderne, Realität und Phantasie, Magie. Im Mittelpunkt steht oft die Beziehung zwischen Menschen oder die Abwesenheit von Beziehungen – die Einsamkeit. Auch das Leben im Ausland – ein für Georgien häufiger Fall – wird zum Thema gemacht. Die traditionellen Geschlechterrollen bieten wenig Perspektiven. Aus den Geschichten setzt sich ein Bild zusammen, auf welche Weise Frauen in diesem engen Rahmen versuchen, ihren Wünschen zu folgen und ihre Würde zu bewahren. Nicht immer gelingt dies. Wie immer auch die Geschichten verlaufen und enden, die Leserin wird auf eine Reise mitgenommen, die Leseerlebnisse von einer Intensität bietet, wie ich sie selten erlebt habe. Die Farben, die Gerüche, die Sinnlichkeit und die beim Lesen ausgelösten Gefühle bleiben im Gedächtnis. Die Anmerkungen unterstützen das Verstehen der unbekannten Kultur. Das ausführliche Nachwort der sachkundigen Herausgeberin und die Biografien der Autorinnen könnten Interesse für eine weitergehende Beschäftigung mit ihren Büchern wecken.
Erna Dittelbach
Bittere Bonbons. Georgische Geschichten. Hg.von Rachel Gratzfeld. Aus dem Georg. von Simon Arschaulidse, Julia Dengg, Rachel Gratzfeld, Sybilla Heinze, Maja Lisowski, Natia Mikeladse-Bachsoliani, Tamar Muskhelishvili und Mariam Tschwritidse. 256 Seiten, edition Fünf, Gräfelfing/ Hamburg 2018 EUR 22,70