Konvulsionen eines verletzten Ichs

Die namenlose Ich-Erzählerin ist in eine fremde, kalte Stadt gezogen, des Flusses wegen. Sie hat ihr Medizinstudium abgebrochen, wohnt alleine, liest. Ihre Einsamkeit treibt sie hinaus aus ihrem schäbigen Zimmer, hinaus auch aus der geschichtskonservierenden Stadt, in ein abgewracktes Hafenviertel, wo sie auf eine von gesellschaftlichen AußenseiterInnen besuchte Bar stößt. Dort sieht die Ich-Erzählerin Carter zum ersten Mal und verfällt ihr sofort. Carter, die nicht viel redet, aber umso mehr raucht, wird für die Ich-Erzählerin zum Angelpunkt ihrer Wünsche und Phantasien. Die charismatische Bedeutung, mit der die Ich-Erzählerin Carter auflädt, speist sich aus ihrer Ungebundenheit, ihrer Weigerung, sich einschränken, sich festlegen zu lassen. Zugleich fungiert Carter für die Ich-Erzählerin als der emotional absolut gesetzte Mittelpunkt oder vielmehr Fluchtpunkt der Geschichte ihrer Selbstfindung, die als Geschichte eines prekären und dramatischen Überlebenskampfes gestaltet wird. Der Roman, der sich von der Intention einer klar verständlichen Geschichte distanziert, setzt auf die Schilderung von körperlichen Abläufen und Eindrücken, in denen die Grenzen zur Außenwelt durchlässig und Identitäten brüchig und uneindeutig werden. Die lose zusammenhängenden Beschreibungen der körperlichen Konvulsionen eines verletzten oder verloren gegangenen Ichs bilden die poetologische Grundstruktur einer reflexiv gewendeten, das Erinnern wörtlich nehmenden literarischen Krisenbewältigung. Verstörend!

Sabine Zopf

Ally Klein: Carter.  208 Seiten, Droschl, Graz – Wien 2018 EUR 20.00