Zwischen Razzia und Revolution
Auf der Praça da Matriz im Zentrum von São Paulo leben die Obdachlosen in einer Welt, in der jeder Tag „ein Tag zum Sterben“ sein kann. Da ist der junge Papiersammler Chilves, der von den Luxusvillen am Stadtrand mit ihren glitzernden Pools träumt und seine 14-jährige Freundin Jéssica, die immer noch überzeugt ist, sich eines Tages aus dem Elend kämpfen zu können. Da ist auch die schillernde Transfrau Glenda oder Iraquitan, ‚der Schriftsteller‘, der statt Lumpen Worte sammelt – sie alle hat eine jeweils andere, traurige Geschichte auf den Platz verschlagen. Ihr Alltag ist geprägt von der Suche nach Schlafplatz und Essen, schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs, Drogen, sexueller Ausbeutung, Kleinkrieg mit den Sozialbehörden und der allgegenwärtigen Gewalt, unter anderem durch grausame Polizeirazzien. In vielen Vor- und Rückblenden beschreibt der Roman kaleidoskopisch die vollkommene Unberechenbarkeit des Lebens auf der Straße. Ihren Protagonist:innen erspart die Autorin nichts, weder brutale Schlägereien noch Vergewaltigungen oder grausame Racheaktionen. Dennoch entsteht aus dieser Gesellschaft der Entrechteten eine solidarische Gemeinschaft. Der Roman ist ein Appell an den optimistischen Glauben an eine bessere Welt.
Ute Fuith
Patrícia Melo: Die Stadt der Anderen. Aus dem brasil. Portug. von Barbara Mesquita. 400 Seiten, Unionsverlag, Zürich 2024 EUR 27,50