So schön ist Berlin

Ein Krimi, der in Berlin spielt, mit einer Protagonistin, die in einer Opa-WG lebt und ein literarisches Antiquariat führt – das klingt ansprechend und ist es auch. Die Autorin, Historikerin und in der Hospizbewegung tätig, bringt oftmals ungesehene Details in ihre Erzählung, die eine Atmosphäre schaffen, in welche die Leserin – trotz zunehmend unübersichtlicher Ereignisse – gerne folgt. Eine Parallelerzählung wird durch wiedergefundene Notizen aufgemacht, die sich als Tagebucheinträge aus der Zeit um 1910 herausstellen und sich zu einem Kriminalfall zuspitzen. Beruhigend ist in diesem Zusammenhang nur die Seitenanzahl, es ist ein dickes Buch, durch das man die Personen begleitet. Wie die Antiquarin ihre Stadt von heute sieht, wird immer wieder durch die Beschreibungen der 100-jährigen Aufzeichnungen gespiegelt. Wie schön der urbane Raum gewesen sein muss, mit wenigen Autos, eleganten FlaneurInnen und ab und zu darüber schwebenden Zeppelinen. Aber man spürt auch einen Aufbruch, den Fortschrittsglauben, den Zerfall des adeligen Einflusses. Die Autorin stellt sich nahe zu ihren Figuren, besonders berührend dabei ist der liebevolle Blick auf den Großvater, in dessen Aktionen sie immer seine Lebensgeschichte mitbedenkt – eine beispielhafte Haltung. Die inneren kurzen Monologe der Protagonistin(nen) tragen wesentlich zur Lebendigkeit bei und zeugen von großem psychologischem Können.
Susa
Dagmar Scharsich: Der grüne Chinese. 584 Seiten, Ariadne Krimi, Argument Verlag, Hamburg 2018 EUR 13,40