Ganz normale Nazis

Helga Glantschnigs ausgezeichnetem Buch gelingt durch die distanzierte Erzählhaltung ein Porträt, das wahrscheinlich viel mit anderen Biografien von ZeitzeugInnen teilt. In der Einführung vor dem Original-Tagebuchtext ihrer Mutter beobachtet sie aus einer analytischen Perspektive, die nie in eine moralische Wertung verfällt. Mit simplen Daten und sachlichem Stil zeichnet sie ein Bild des Alltags. Die Autorin verweist auf totalitäre Sprache und Suggestivkraft der Filme, die zur Manipulation verwendet wurden, deren Wirkungen sich oft mühelos wiederfinden lassen. Sie stellt ihrer Mutter die ungefähr gleich alte Ingeborg Bachmann zur Seite – deren Vater seit 1932 bei der NSDAP war – , die sich schon früh und dezidiert gegen den Nationalsozialismus positionierte. Außerdem vergleicht sie das Leben der Kärntner Slowenin Anna Jug mit dem ihrer Mutter. Nirgendwo sonst in Österreich war man so gut auf den „Anschluss“ vorbereitet und nirgendwo gab es im Vorfeld, als die nationalsozialistische Partei noch verboten war, so viele Parteimitglieder. Ist es da erstaunlich oder einfach nur erschütternd, dass Hitler die Ehrenbürgerwürde der Stadt Klagenfurt erst im Jahr 2011 aberkannt wurde? Klagenfurt war stolz, die „erste judenfreie Stadt der Ostmark“ zu sein. Tragisch auch, wie viel von dem totalitären Treiben international lange vor dem Eingreifen der Alliierten bekannt war – so hatte Erika Mann bereits 1938 im Exil ihr Buch „School of the barbarians. Education under the Nazis“ veröffentlicht. Unangenehme, notwendige Lektüre.
Susa
Helga Glantschnig: Das „Kriegstage­buch“ meiner Mutter. 130 Seiten, Klever Verlag, Wien 2019 EUR 16,00