Kategorie: Belletristik

Literatur auf engstem Raum

Lydia Davis ist eine Meisterin der Kurzform. Mit wenigen Worten gelingt es ihr eine ganze Geschichte zu erzählen, wie etwa „Mit achtundzwanzig sehnt sie sich danach, noch einmal fünfundzwanzig zu sein“ oder „Sie war ein bisschen betrunken, als sie das Abendessen kochte, und ließ alles anbrennen. Er war ein bisschen...

Das Nachleben des Überlebens

Die Graphic-Novel Künstlerin Barbara Yelin trifft 2019 das erste Mal Emmie Arbel, welche als Zeitzeugin in der Gedenkstätte Ravensbrück über ihre Erinnerungen spricht. Es folgen über drei Jahre lang gegenseitige Besuche, viele Dutzend Gespräche und diese Graphic Novel, in dem Yelin das Leben von Emmie Arbel auf einfühlsame Weise portraitiert...

Glücklich ohne Geschlecht

Maia Kobabe zeichnet in deren Graphic Novel Gender Queer. Eine nichtbinäre Autobiographie deren schwierige psychosexuelle und zugleich soziale Identitätsfindung nach, die in der Wahl des Pronomens dey zu einem verhaltenen Happy End führt. Als so gelesenes Mädchen in eine alternative Aussteigerfamilie hineingeboren, die „mit klassischen Geschlechterrollen nichts am Hut [hat]“,...

Personalisierte Geschichte

Verena Hausers „essayistische Momentaufnahmen“ spielen in Kärnten zwischen 1918 und 1934, einer schwierigen Zeit voller Umbrüche: der Grenzkonflikt mit Jugoslawien, die Volksabstimmung 1920, das Erstarken des Nationalsozialismus bis hin zum Putschversuch 1934 im Lavanttal. Die Autorin erzählt diese Zeit aus der Perspektive ihrer Figuren. Was hat den jungen Albert dazu...

„Das Sterbenmüssen ist eine Gemeinheit“

An den Skandal über Zeemanns Autobiografie Jungfrau und Reptil kann ich mich gut erinnern. In seinem Erscheinungsjahr 1982 sieht sich die österreichische Volksseele noch immer als erstes Opfer Hitlers und kann mit der Wahrheit so ganz und gar nicht umgehen. Und da kommt eine daher und erzählt unter anderem die...

Das Private ist politisch

Wilhelmine Goldmann beginnt ihre Familiengeschichte um 1900, den frühen Jahren der ArbeiterInnenbewegung, und diese endet in der Gegenwart. Anhand von Briefen, unveröffentlichten Aufzeichnungen und Gesprächen versucht sie, die Geschichte der Familie Lettner, ihre Familiengeschichte, zu rekonstruieren. Eine Geschichte, die eng verbunden ist mit der österreichischen ArbeiterInnenbewegung und der wechselhaften Entwicklung...

Ein schöner Hype

Irina, die im digitalen Leben Toxische Pommes heißt, hat mit ihren satirischen Tik Toks, die die österreichische Seele porträtieren, in kürzester Zeit einen Riesenerfolg gefeiert. Von Social Media aus bahnte sie sich ihren Weg auf die wichtigsten Kabarettbühnen. Nun ist ihr erster Roman erschienen. Schon wieder ein Roman, der die...

Selbstheilung

„Oh, ein Mädchen mit Vergangenheit!“ bemerkt ein Bursch auf einem Unifest, als Nada ihre Strickjacke ausgezogen hat und die Narben ihrer Selbstverstümmelungen zu sehen sind. Nada, Tochter eines Palästinensers und einer Ägypterin, in Wien geboren und aufgewachsen, kämpft jahrelang gegen die traditionellen muslimisch-arabischen Moralvorstellungen ihrer Eltern an. Ohne viel Erfolg....

Der Mensch ist eine Überlebensmaschine

Auch in Valerie Fritsch drittem Roman geht es um menschliche Verwundbarkeit und psychische Verdrängung. August Drach wächst als Einzelkind mit ambivalenten Erziehungsmethoden auf. Sein selbstherrlicher Vater drückt sein Verhältnis zu seinem Sohn mit körperlicher Gewalt aus. Die Mutter, Lilly Drach, die die Gewaltszenerie beobachtet, tröstet ihn nach den Übergriffen des...

Geh weiter, ins Innere des Landes

Mitte der 1990er Jahre verlassen die elfjährige J. und ihre Familie den idyllischen Gratschbacher Hof am Fuß der Karawanken. Zum Anwesen gehören ein Gasthaus samt Discoschuppen, ein Tennisplatz, Schwimmbad und Ställe. Die Gegend drumherum ist „ein Wald ohne Augen. Ohne Sträucher und Äste, die sich hinter deinem Rücken raschelnd zusammenbiegen“....