Kategorie: Romane

Wiederaufnahmeverfahren

Rebecca Makkai wählt in ihrem neuen Roman einen untypischen Erzählmodus. Bodie Kane, die Hauptakteurin, äußert ihre Gedanken, als wenn sie diese gegenüber einer zunächst unbekannten Person formulieren würde. 1995 wird die Schülerin Thalia Keith im Schwimmbad eines Eliteinternats in New Hampshire ermordet aufgefunden. Dem Schwarzen Sportlehrer Omar Evans wird nach...

Zwangserziehung

Frida hat einen Aussetzer, einen folgenschweren. Sie lebt mit ihrer 18-monatigen Tochter Harriet in ständiger Überforderung. Harriets Vater hat sie kurz nach der Geburt verlassen. Frida war ihm zuvor nach Philadelphia gefolgt, weit weg von ihrer Familie, Freund*innen fehlen ihr. Sie hat einen Job, in dem sie herablassend behandelt wird,...

Sie weiß noch, wie sie heißt!

Ähnlich wie in ihrem vielfach ausgezeichneten Roman Wovon wir träumten setzt die US-amerikanische Autorin Julie Otsuka in ihrem neuen Roman stilistisch Aufzählungen ein. Ein Schwimmbad wird als Drehscheibe für seine Schicksalsgemeinschaft herangezogen, um zu verdeutlichen, dass menschliche Bedürfnisse leicht abstrakt auf einen Nenner zu bringen sind. Dieser Nenner erschöpft sich,...

Dahinbrettern als sei das alles Autobahn

Wenn die Karten einmal verteilt wurden, muss man spielen mit dem, was man auf der Hand hat. Deprimierend? Jep! Die 2021 verstorbene Kult-Essayistin und Autorin Joan Didion legt uns in dem 1970 verfassten Roman das Leben einer Protagonistin, der semi-erfolgreichen Schauspielerin Maria, wie ein Kartendeck aus. Sie erzählt uns in...

Das Gegenteil von nichts oder alles gleichzeitig

Vacca Vale ist eine Kleinstadt, wie es heute vermutlich viele im US-amerikanischen Rust-Belt gibt. Verlassene Industrieruinen, Arbeitslosigkeit, dubiose Investments zur Wiederaufwertung, eine Jugend ohne Perspektive; Tess Gunty beschreibt die Szenerie akribisch und virtuos. Ebenso pointiert entwirft sie auch die vielen Haupt- und Nebendarsteller*innen ihrer abstrusen Geschichte. Diese dreht sich vorwiegend...

Schlaflos in den Weiten Kanadas

Wenn man ein Homosexueller mit karibischem Ursprung ist, lebt man nicht ungefährlich im Kanada der Zwanziger Jahre. Noch schwieriger wird es, wenn man als Schlafwagendiener auf der Strecke Montreal-Vancouver arbeitet. Denn für einen Schlafwagendiener gibt es ein ganzes Buch mit Vorschriften und keine einzige Seite mit Rechten. Und vor allem...

Familienkram

Simon hat vor 25 Jahren die Niederlande verlassen, um sich in Kanada bei einem Onkel väterlicherseits niederzulassen. Die Ablösung von seiner Familie schien ihm notwendig, um unbefangen die eigene Realität zu meistern und sich vom innerfamiliären Druck zu lösen, nun ist er einfacher Facharbeiter mit wenig sozialen Kontakten ohne Hoch-...

Einmal alles, bitte

Wie schon bei Mieze Medusas vorangehendem Roman „Du bist dran“, tritt auch in ihrem neuesten Werk wieder eine ausgezeichnete, handverlesene Sammlung an eigentümlichen, schräg normalen Protagonistinnen* auf. Von Wien bis Innsbruck erstreckt sich die unpatriotisch österreichische Handlung, inklusive liebevoller Beschreibungen von Gürtel und O-Dorf. Lustig und schmerzhaft realitisch geht es...

Eine befristete Zeit auf Erden

Das Sterben in völliger Isoliertheit ist in Japan mit steigender Tendenz nicht ungewöhnlich und wird als Kodokushi bezeichnet, besonders Männer sind davon betroffen. Die arbeitslose, vereinsamte Suzo lebt nur mit ihrem Hamster, der sich immer mehr von ihr zurückzieht, zusammen. Sie bewirbt sich bei Herrn Sakai als Putzarbeiterin. Dieser betreibt...

Mitläufer*innen und Parteimitglieder*

Emma Prochaszka ist geschieden, Kärntnerin, hat vier Kinder und arbeitet im Jahr 1940 schon seit einiger Zeit als Köchin in einem großen Hotel in Davos, das sich seit 1933 zu einer Nazi-Hochburg entwickelt hat. Emmas Kinder leben verteilt in Österreich bei Verwandten und bei den Großeltern in Brünn, Angehörigen der...